Zwischen den Zeilen: Was beim Übersetzen von Romance wirklich passiert



Meine Bookie-Schwächen sind aufwändige Farbschnitte, Romantasy & Forbidden Love in Kombination mit Forced Proximity. Monatlich lese ich irgendwas zwischen 5 und 5.000 Seiten.
Ich habe mich damals total über die Anfrage von LYX gefreut, war gleichzeitig aber auch ein wenig nervös, weil es sich bei REVOLVE um den dritten Band einer Reihe handelt und die ersten beiden Bände von einer anderen Übersetzerin übernommen wurden. Ich habe die ersten beiden Bücher aber von meiner Lektorin zugeschickt bekommen und konnte mich so vorher in den Stil einlesen. Die Arbeit an REVOLVE hat mir viel Freude bereitet, weil es so viele schöne Momente zwischen den Figuren gibt, die mir beim Übersetzen richtig ins Herz gegangen sind.
Deutsch ist nicht gleich Deutsch – in Bayern benutzt man Redewendungen oder Begriffe, die man in Berlin gar nicht kennt. Ich selbst komme aus Düsseldorf und habe viele Jahre am Niederrhein gelebt. Beim Übersetzen muss ich aufpassen, dass mein persönlicher Sprachgebrauch nicht zu sehr durchscheint. Es macht eben einen Unterschied, ob eine Figur eine Knifte, eine Stulle oder einfach ein Butterbrot isst. 😄
Genau das ist der springende Punkt – die Wirkung. Beim Übersetzen geht es mir in erster Linie darum, Stimmung, Erzählhaltung und Figurendynamik des Originals treffend zu übertragen. Die reine Wortebene ist da meistens zweitrangig. Gerade bei Spice muss ich mich oft vom Ausgangstext lösen, damit es für Lesende sinnlich ist. Das Englische ist bei der Beschreibung von Körperteilen z. B. sehr viel genauer und kleinteiliger als das Deutsche. Wenn ich da nah am Original bleibe, kann es für Lesende schnell unübersichtlich werden. Außerdem klingen vulgäre Begriffe im Deutschen meistens viel härter. Da ist dann ganz viel Feingefühl gefragt, damit man die Figuren nicht ungewollt abwertet. Um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich vor der Übersetzung der ersten Spice-Szene Rücksprache mit meiner Lektorin gehalten und mich mit ihr gemeinsam auf einen Stil geeinigt. Und ich hatte ja die beiden Vorgänger-Bände, an denen ich mich orientieren konnte.
Alles, was in Richtung „Banter“ geht, wird schnell kniffelig. Bei REVOLVE gab es im englischen Original zum Beispiel eine Stelle, wo Dylan zu Sierra so etwas sagt wie: „I like it when you have your way with me“. Ich stand total auf dem Schlauch, bis meine Lektorin einen richtig guten Vorschlag gemacht hat („Ich mag es, wenn du mich dir gefügig machen willst“), der total zur Situation gepasst hat. Noch herausfordernder ist es, wenn Wortspiele verwendet werden. Da bin ich jedes Mal sehr erleichtert, wenn ich ein deutsches Äquivalent finde, weil es wirklich schade es, wenn so etwas in der Übersetzung verloren geht.
Ich mache in der Regel drei Übersetzungsdurchgänge, bevor ich einen Text zum Lektorat schicke. Beim dritten Durchgang lege ich das englische Original weg und lasse den deutschen Text als solchen auf mich wirken. Spätestens da stelle ich dann fest, ob ein guter Lesefluss entsteht oder ob es an einigen Stellen noch knirscht – das merke ich daran, dass ich beim Lesen selbst über manche Sätze stolpere. Wo auch immer das der Fall ist, gehe ich noch ein letztes Mal drüber und tüftele so lange herum, bis es mir gefällt. Und wenn ich beim Lesen meiner Übersetzung selbst lächeln muss, weiß ich, dass es passt. 😊
Man muss beim Übersetzen wirklich so viele Entscheidungen treffen! Das fängt damit an, dass man überlegt, ob Figuren sich jetzt Duzen oder Siezen (das Englische macht es sich da ja sehr leicht), oder dass man als Übersetzerin plötzlich das Gender einer Figur festlegen muss, die im englischen Text nur als „coach“ oder „lawyer“ auftritt. Auch die Frage, für welche Begriffe man deutsche Äquivalente sucht und welche man einfach auf Englisch stehen lässt (gerade im amerikanischen College-Kontext), ist immer wieder knifflig. Für REVOLVE habe ich außerdem sehr viel Zeit damit verbracht, Eishockey-Regeln und Eiskunstlauf-Begriffe zu recherchieren.
Dialoge sind ebenfalls immer eine Herausforderung! Gerade hier drücken sich die Eigenschaften einer Figur aus. Beim Übersetzen von mündlicher Rede ist es nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen. Man fragt sich ständig: „Sagt man das so?“; oder: „Würde diese Figur so reden?“. Da spielt so viel mit rein: die Generation, der Sprachkontext, das Verhältnis zwischen den Figuren, der soziale Hintergrund, das Setting und so weiter und so fort.
Eine Zeit lang habe ich fast ausschließlich auf Englisch gelesen. Ich lese inzwischen aber auch wieder mehr Übersetzungen, um meine Kolleg:innen zu unterstützen – und um mich inspirieren zu lassen. Es ist wichtig, im Englischen fit zu bleiben, aber Deutsch ist und bleibt meine Arbeitssprache.
Wenn wir über Bücher sprechen, denken wir meistens zuerst an die Autor:innen, die Figuren oder die Geschichte. Was dabei oft ein bisschen in den Hintergrund rückt: die Menschen, die diese Geschichten überhaupt erst im Deutschen zugänglich machen. Übersetzer:innen sind ein ganz entscheidender Teil davon, gerade bei Romance, wo so viel über Stimmung, Dynamik und Tension funktioniert. Alice (@boo_kishalice) ist freiberufliche Literaturübersetzerin und hat kürzlich mit REVOLVE von Bal Khabra ihr erstes LYX-Buch übersetzt. Deshalb wollten wir einmal genauer nachfragen: Wie fühlt es sich eigentlich an, eine Geschichte wie diese und Romance-Bücher allgemein ins Deutsche zu bringen?

Was man aus dem Gespräch auf jeden Fall mitnimmt: Übersetzen ist viel mehr als „Wörter übertragen“. Dabei geht es um Entscheidungen, Feingefühl und ganz viel Detailarbeit, die man beim Lesen oft gar nicht bewusst wahrnimmt. Gerade bei Romance merkt man erst, wie wichtig das ist: weil sich eine Szene nur dann richtig anfühlt, wenn auch im Deutschen alles stimmt.
Denkst du beim Lesen von übersetzten Büchern manchmal daran, wie ein Absatz wohl auf Englisch formuliert war? Wir freuen uns jedenfalls über jede Szene, die im Deutschen genau so intensiv wirkt wie im Original. ♥️